Im libertären Denken ist das Prinzip der Gewaltlosigkeit (englisch: Non-Aggression Principle, NAP) das grundlegende ethische und rechtliche Fundament. Es besagt, dass die Initiation von Gewalt gegen Personen oder deren Eigentum unzulässig ist. Gewalt darf nur zur Verteidigung eingesetzt werden.
Murray Rothbard und die Formulierung des Prinzips
Murray Rothbard (1926–1995) gilt als einer der ersten, die dieses Prinzip klar und systematisch als Kern des Libertarianismus formuliert haben. In Werken wie For a New Liberty (1973) und The Ethics of Liberty (1982) definierte er es als das zentrale Axiom:
Niemand darf Gewalt gegen eine andere Person oder deren rechtmässig erworbenes Eigentum initiieren.
Rothbard leitete daraus ab, dass der Staat – soweit er auf Zwang und Besteuerung beruht – systematisch gegen dieses Prinzip verstößt. Gleichzeitig betonte er, dass Verteidigung, einschliesslich privater Schutzorganisationen, zulässig ist.
Inhalt und Reichweite des Prinzips
- Erlaubt ist jede freiwillige Interaktion zwischen Menschen (Handel, Verträge, Kooperation).
- Verboten ist die Initiation von physischer Gewalt, Betrug, Diebstahl oder Zwang.
- Erlaubt ist Gewalt ausschließlich zur Selbstverteidigung oder zur Durchsetzung von Eigentumsrechten.
Das Prinzip ist nicht mit Pazifismus gleichzusetzen. Es verbietet nicht jede Gewalt, sondern nur die aggressiv ausgeübte. Verteidigung bleibt legitim.
Weitere Bezüge in der libertären Tradition
- Ludwig von Mises argumentierte stärker ökonomisch und pragmatisch, teilte aber die Ablehnung von Zwang als Mittel der gesellschaftlichen Organisation.
- Hans-Hermann Hoppe baute auf Rothbard auf und verband das Non-Aggression Principle mit einer Theorie des Eigentums und der Argumentationsethik.
- Das Prinzip findet sich bereits in früheren liberalen Traditionen (z. B. bei John Locke), wurde aber von Rothbard erstmals konsequent als alleiniges Grundaxiom des Libertarianismus ausgearbeitet.
Kurz gesagt: Das Non-Aggression Principle besagt, dass freiwillige Kooperation die einzige legitime Form menschlichen Zusammenlebens ist. Jede Initiation von Gewalt ist unzulässig – unabhängig davon, wer sie ausübt. Rothbard hat dieses Prinzip als erster klar als Fundament des modernen Libertarismus formuliert.